Klimaretter Al Gore informiert offenbar falsch
Der Klimawandel ist eines der Musterbeispiele, wie Wissenschaftskommunikation ge- und missbraucht werden kann. Zwei Probleme der Wissenschaftskommunikation werden anhand der Klimadiskussion offensichtlich: die Objektivität wissenschaftlicher Daten ist ein dehnbarer Begriff, und die Fakten eines derart komplexen Themas wie „Klima“ können Laien schlichtweg nicht bewerten. Der Verlockung, mit Fehlinformation Meinung zu bilden, konnte offensichtlich auch Oberklimaschützer Al Gore nicht widerstehen. Ein Artikel in der Ausgabe Januar 2008 von „Spektrum der Wissenschaft“ gibt Aufschluss.
Al Gores Kampf für den Klimaschutz ist lobenswert, aber hat er es nötig, den Gletscherschwund am Kilimandscharo für seine Kampagne zu missbrauchen und die Welt gezielt falsch zu informieren? Richtig ist: der Gletscher auf dem Plateau des Kilimandscharos wird kleiner. Doch, anders als von Al Gore propagiert, ist die globale Erwärmung dafür höchstwahrscheinlich nicht verantwortlich. Der Gletscherrückgang auf dem Kilimandscharo hat andere Ursachen.
Um Missverständnissen vorzubeugen – ich gehöre nicht zu denjenigen, die daran zweifeln, dass der Mensch in großem Maße für den Klimawandel mitverantwortlich ist. Aber ich gehöre zu denjenigen, die es ärgerlich finden, wenn Fakten verdreht werden, um Meinung zu machen.
Die Gletscherforscher Georg Kaser und Philip W. Mote schreiben im „Spektrum der Wissenschaft“, Ausgabe Januar 2008, dass am Gletscherschwund auf dem Gipfelplateau des Kilimandscharos nicht der globale Temperaturanstieg schuld sei. Vielmehr würden drei andere Effekte dem Eis auf dem 5895 Meter hohen Gipfel des Massivs, dem Kibo, zusetzen: Sublimation, geringer Schneefall und intensive Sonneneinstrahlung. Diese Effekte hätten ihre Ursache maßgeblich in der geographischen Lage des Kilimandscharos.
Die Ergebnisse und Erklärungen der beiden Wissenschaftler erscheinen plausibel. Wie die von Al Gore. Und genau da liegt der Hund begraben, denn die Zusammenhänge sind, wie das ganze Thema „Klima“, sehr komplex. Sie bilden eine ideale Basis, um darauf ein tragfähiges Gerüst aus Fehlinformationen zu errichten. Meinungsbildung in der Öffentlichkeit mit falschen Angaben zu steuern hätte Gore aber gar nicht nötig gehabt, denn die Mehrzahl seiner Argumente bestätigt seine Position.
Den Kilimandscharo als Beleg für die Erderwärmung heranzuziehen, erweist sich im Nachhinein als dünnes Eis. Obwohl ich gewiss kein Klima-Experte bin, habe ich den Eindruck, dass Kaser und Mote solide Belege für ihre Hypothesen haben. Gores Glaubwürdigkeit droht das Schicksal der Gletscher, die er retten will: sie schwindet.
Bei derartigen Verfälschungen ist die Wissenschaftskommunikation, insbesondere der Wissenschaftsjournalismus, gefordert, dem Bürger mit Berichten über seriöse Forschungsergebnisse Bewertungshilfen zu geben. Die Spektrum-Redaktion hat hier einen wichtigen Beitrag geleistet. Leider muss davon ausgegangen werden, dass die Wissenschaftsberichterstattung in puncto Aufmerksamkeit das Nachsehen gegenüber Al Gores Multimediaspektakel hat. 1:0 für Gore. Ein Sieg mit Beigeschmack.
Links zum Thema:
Podcast von Spektrum der Wissenschaft mit dem Glaziologen Georg Kaser
Artikel in der Süddeutschen Zeitung über Fehler in Al Gores Film „Eine unbequeme Wahrheit“
chrib
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